Lyrik

Aufrichtung

Ich bin der Baum,
Ich stehe verwurzelt
In jungem Tasten.

Ein Vogel löst sich
Aus seinen Zweigen. Ich bin
Der Vogel. Es knüpfen
An meine Schwingen
Sich Nord und Süd.

Es stößt Gestein
In den Boden hinab,
Es bindet die Erde.
Ich bin das Gestein.

Vogel, laß dich
Von meinen Ästen tragen!
Steine, laßt euch
Von meinen Wurzeln umfassen!
Ich lehne
Gut an mir selbst

Welt, ruhe aus!
Ich will dein Wächter sein.

Ich träumte, du seist eine Harfe,
ausgespannt durch das All, und über dich
glitten die Sternenfinger des Lichts -

Nun bin ich erwacht und lausche noch
deiner Musik. Singt sie
von mir? Nein - nicht von mir. Immer nur
wieder von dir... Denn ich
war in den Fingern der Sterne.

                    x x x x

Als ich den Stein nicht aufhob,
der hart meine Stirn traf aus ihren Händen,
als ich selber den Stein nicht warf -
verlachten sie mich...
Ich aber spürte: die Erde atmete
freier einen Moment und irgendwo blühte
eine Lilie reiner als sonst,
schwang sich leichter und höher hinauf
ein Vogelpaar.

                    x x x x

Inmitten der stürzenden See
das tanzende zuckende Boot -

An der Reling der Reisende:
von Atem zu Atem die Augen
gelassen dort auf den schäumenden, funkelnden
Wunderkronen der Kämme -: ich.

Das wäre die Ankunft.

     Schon der Titel des Bandes verrät die innere Einstellung des Dichters. "Lichtes Gedächtnis", das in einige sowohl ideell als auch formal gut aufeinander abgestimmte Abschnitte aufgeteilt ist, enthält Sinnlyrik von großer Aussagekraft. Auch der geistige Bogen ist überaus weit gespannt. Von Seite zu Seite spürt man auf neue Art das innere Ringen des Autors, die Heimsuchungen des Alltäglichen zu bewältigen - zunächst die des eigenen Krankenlagers, Häßliches in Schönheit zu verwandeln, sich selbst ertragen zu lernen: "Sich selber annehmen - / wie stark muss ich sein, / wie groß, wie heil, / daß ich stehen lerne, Auge in Auge, / vor meiner Schwäche und Winzigkeit, / meinem Zerrissensein..."
      Die Begabung des Dichtes, in leuchtenden Metaphern sowohl Gedankliches als auch Empfundenes sichtbar werden zu lassen, wird vor allem im zweiten Zyklus, der "In Erinnerung an M.A." geschrieben wurde, aus jedem Vers offenkundig. Wesen und Inhalt erlebter und erlittener Liebe, aber auch ihre zeitlos gültige Apotheose, werden hier auf wundersame Art und Weise geschildert.
      "Licht der Stimmen" heißt der nächste Zyklus, in dem der Suchende dem Du in sich selbst und im Mitmenschen begegnet. Von der Selbsterkenntnis führt der Weg über die Menschenachtung bis zu der von Albert Schweizer gelehrten "Ehrfurcht vor dem Leben", ohne die weder das gesellschaftliche Zusammenleben noch ein gedeihlicher kultureller und zivilisatorischer Fortschritt denkbar sind.
      Der zweite große Abschnitt des Bandes wurde vom Autor "Im Schatten des Schwellenwächters" benannt. Es ist jedoch keine blutleere Esoterik, die an eine kaum zu entschlüsselnde Geheimsprache erinnert. "Der Abgrund" des gegenseitigen Nichtverstehens erscheint im Licht neuer Erkenntnis und eines größeren Willens überbrückbar: "Wandernd von Wohnstatt zu Wohnstatt, werde ich sprechen lernen aus fremden Mündern, schauen lernen aus fremden Augen; werde ich dulden lernen mit den Schultern der andern; lieben mit fremden Herzen.
     Mich wiederfinden aus fremden Augen. Manchmal auch mich."

(Katalogtext Gottfried Pratschke, Wien)

Schmetterlingsunfall

Der balkonreisende Schmetterling
am kleinen See meiner Tasse.
Ob er es ist?

...Dieser, der gestern Nachmittag,
lässig vom Bordstein trudelnd,
hart an mein Autoblech flatterte
in meiner Nachhausewegkurve...?

Ob er es ist?
Möglich... Aber hatte er diese
rosa getupften Fühler?

...Immerhin doch: ein winzigkleiner
Schmetterlingskrach...

Kommt er mich wieder besuchen?
für einen kleinen Schmetterlings-Kaffee-
Freundschaftstrunk?

Was noch zu erzählen ist -:
Ich stieg also aus, besah
Die Staubschäden auf seinen Flügeln,
er besah meine Beule im Blech
(eine winzigkleine Schmetterlingsbeule),
wir tauschten unsre Papiere aus,
da flog er wieder -
flatter flitter und weg...

Hat er mir zugehört -?
Aber da fliegt er schon wieder
von seinem Schmetterlingsseeufer.

 

"Einer der vollkommensten Gedichtbände, die ich mich erinnere in den Händen gehalten zu haben..."
Nino Erné, Schriftsteller und Journalist

"Eines der wirklich großen Talente, denen ich in den letzten Jahren begegnet bin."
Peter Hamel, Dramatiker und Regisseur

"Paarmann zeigt sich in diesem Gedichtband als ein Lyriker von hoher Meisterschaft. Der selbsterhobene Anspruch auf Verzauberung bleibt kein Versprechen, er wird ganz und gar eingelöst."
Sigrid Nordmar-Bellebaum, Lyrikerin und Rezensentin

Amazon.de 5 Sterne

Amazon.de 5 Sterne
Sphären-Verlag
ISBN-Nr. 978-3-9523093-0-8